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Texte

Prof. Dr. Eva Borst „walking ideas“, 1. Juni 2019

Liebe Annette,

es ist nicht
ganz einfach, diese Einführung in Dein 40jähriges Wirken zu bewerkstelligen,
nicht nur, weil Du in diesen 40 Jahren eine Fülle an Kunstwerken geschaffen
hast. Sondern auch, weil Du Dich immer wieder denkend, fühlend, nach Ausdruck
suchend auf sehr unterschiedliche Wege begeben hast: Walking Ideas – 40 Years

Gewissermaßen
obsessiv suchtest Du nach neuen Formen, die, bei näherer Betrachtung durch ein
unsichtbares Band irgendwie zusammengehalten werden. Nun, wenn ich das in aller
Kürze aufzählen darf: Du hast Brunnen gebaut, überlebensgroße Skulpturen
geschaffen, hast Dich auf das Abenteuer der Videokunst eingelassen, Malerei
sowieso und, unter anderem, um Dir das unabhängige Leben einer freischaffenden
Künstlerin zu finanzieren, kleine feine Statuetten aus Ton geformt. Nebenbei,
das darf nicht fehlen, hast Du Dich an der vergänglichen Kunst der Performance
beteiligt. Die Genres, in denen Du tätig bist, sind hiermit erst einmal
abgehandelt. Aber was wäre die Form ohne Inhalt?

Es war mir bei
der Vorbereitung zu diesem Vortrag ein außerordentliches Vergnügen
festzustelle, dass, bei allem Humor, der vielen Deiner Kunstwerken zu eigen
ist, sozusagen hintergründig – also hintendran – unausgesprochen etwas
mitläuft, das man als Alterität bezeichnen kann. Das Andere! Das Andere als
Möglichkeit! Oder genauer noch: das Andere als eine Kritik an der kulturellen
Tradition, die auch hätte anders verlaufen können, hätten die Menschen es nur
zugelassen. Du bist also im wahrsten Sinne des Wortes Perspektivwechslerin und
Grenzgängerin in einem: non-konformistisch – immer, herausfordernd – dauerhaft,
anarchisch – manchmal, dabei aber stets risikobereit, weil Du zwar mit Deiner
Kunst Freude bereiten willst, andererseits aber höchst provokativ die Ordnung,
das Selbstverständliche in Frage stellst.

Und damit sind
wir beim Inhalt. Der kommt zunächst einmal ziemlich unaufgeregt daher. Aber: er
sprengt Fesseln, kraftvoll, energiegeladen, verschafft sich Raum, stellt sich
anders dar als erwartet und bleibt doch immer auch poetisch, berührend.

Ich möchte das
an einem Beispiel demonstrieren, das Deine inhaltliche Arbeitsweise, wie ich
meine, wunderbar zu illustrieren vermag. Und das sehr anschaulich zeigt, dass
Deine Kunst durchaus keine Spielerei ist. Mit großer Ernsthaftigkeit und
Entschiedenheit nämlich prüfst Du beispielhaft die religiösen Symbole der
christlichen Kirche bis zur letzten Konsequenz auf ihre Legitimität, ohne freilich
das sakrale Versprechen – die Spiritualität – zu denunzieren. Du wendest Dich
nicht ab, sondern du bringst verborgene Dimensionen zum Vorschein. So etwa,
wenn Du Dich auf die steinzeitlichen, weiblichen Figurinen beziehst, die für
den Anfang des Lebens stehen, heutigen tags aber – wenn überhaupt – nur noch
seelenlos in den Vitrinen der Museen ein trauriges Dasein fristen. Und wenn Du
die Linie unmittelbar fortsetzt zu Eva und weiter zu Maria und Maria Magdalena,
in der Überlieferung zur Sünderin stigmatisiert.

Du hast Dich in
die Räumlichkeiten der Heiligkeit begeben und hast, wie es so Deine humorvolle
Art ist, erst einmal eine rote Funzel über dem Eingang der Kirche aufgehängt
und damit den Gläubigen schon mal klar gemacht, dass es hier zwei Seiten gibt,
wenn sie den Ort betreten: Madonna oder Hure? In den sakralen Gebäuden des
Patriarchats, als Peep-Show inszeniert, die große Heuchelei, heute aktuell im
geradezu monströsen Ausmaß des sexuellen Missbrauchs. Das ist schon lange her, 1995,
aber Deine Figur „Not for Sale“ knüpft an diese Serie an und thematisiert die
Flucht der Kinder vor Krieg direkt in die Arme ihrer Vergewaltiger.

Nun, Du hast
Dich dem Lebendigen verschrieben und stellst ganz ungeniert die Frage nach
seinem Wert in dieser Kultur. Indem Du den Zeitstrahl bis weit nach hinten und
weit nach vorne ausdehnst, Geschichte und Geschichten, alte Mythologien und
Alltagsmythen ausgräbst und ihnen Gestalt verleihst, machst Du auf einen
Verlust aufmerksam, der uns alle betrifft. Deine Kunst der zerbrechenden Tradierungen – so möchte ich sie mal nennen – ist in
ihrer ganzen Doppeldeutigkeit ausgesprochen klar. Zum Beispiel Deine Madonnen Figuren.
Sie symbolisieren nicht die
Unbeflecktheit einer Heiligen, sondern ganz im Gegenteil den Ursprung eines lustvollen
Lebens. Luce Irigaray, die Philosophin aus Frankreich, hat mit ihrem sprachlichen
Speculum die Einkerkerung der
Weiblichkeit ausgeleuchtet: Weibliche Sexualität und Mutterschaft sind demnach unvereinbar
in dieser Welt des väterlichen Logos, der die Erinnerung an das, was mal war,
ausgelöscht hat. Verstörend deshalb der Blick in das Innere der „Video ma
Donna“. Es sind die Hände einer Hure, die sich da bewegen: Galanterie und
Verachtung, ausgedrückt in einer einzigen Figur.

Deine Plastiken
indes deuten zurück auf die steinzeitlichen
Mutteridole und auf die kleinen Figurinen aus den Jahren Deines Studiums. Zugleich
aber weisen sie voraus, etwa auf
„Paula“. Paula Modersohn-Becker, die es als erste Künstlerin 1907 gewagt hat,
sich nackt und schwanger darzustellen, selbstbewusst und voller Schöpferkraft. Sie
störte mit ihrem expressionistischen Tafelbild, wie auch Du heute mit Deinen
Tonskulpturen, das Einverständnis in die kulturelle Hegemonie. Die „Steinzeugin
Nr. 3“ (es gibt insgesamt vier davon): überlebensgroß steht sie stumm und blind
im Garten, bewegungslos bezeugt sie die uralte Unterdrückung und ist doch
ausgestattet mit einer Kraft, die Befreiung verheißt. Den väterlichen Logos,
das körperlose Wort der Bibel, bringst du so zum Verblassen.

Dass Du Dich
als Künstlerin nicht dem Diktat der kleinen Form beugst, sondern große, schwere,
auf Dauer hin angelegte Kunstwerke schaffst, zeigt sich auch im Brunnenbau. Das
Wasser, die Wassertiere, die Wasserfrau, der Wasserelefant, das Wasserschloss,
alles Hinweise auf die Herkunft der Tiere und der Menschen aus dem Wasser. Du
gehst also noch einen Schritt weiter zurück in die Vergangenheit, an den
Ursprung allen Seins und holst diesen Uranfang in das Bewusstsein zurück. Aber
Du wärest nicht Du, wenn Du nicht auch hier wieder dem Strom des Wassers über
die Jahrhunderte bis in die Gegenwart hinein folgen würdest. Spurensuche betreibst
Du in den Tiefen der Archive, die nicht nur über untergründige Wasseradern
Auskunft geben, an denen Du die Brunnen ausrichtest, sondern auch von
verborgenen Geschichten erzählen. Eingebrannt in Majolikafliesen sind sie unwiderruflich
auf den Plätzen Deiner Brunnen präsent, Orte der Kommunikation und des
Austauschs darüber, was einmal war. Budenheim, Essenheim, Kressbronn….

Alle diese
Brunnen entstanden im Kollektiv. Albrecht hat die beschwerliche Arbeit der
Bauplanung auf sich genommen, Schulkinder und auch Deine eigenen Kinder haben
sich an der Gestaltung der Fliesen beteiligt und Du hast allem den künstlerischen
Rahmen verliehen. Kinder haben Dich immer wieder beim Schaffen Deiner
Kunstwerke begleitet, haben von Dir gelernt, um ihren eigenen Ausdruck zu
finden.

Der Frosch, das
Wassertier. In Deinem Garten in Langenargen am Bodensee lebt eine Vielzahl
dieser Spezies, liebevoll gepflegt und aufmerksam beobachtet. Aber wer hätte je
gedacht, dass den alten Ägyptern die Frösche heilig waren, wie überhaupt verschiedenen
anderen Kulturen auch? Wer hätte je gedacht, dass Deine kugelrunden Froschskulpturen
kurz vor dem Sprung stehen? Energiespeicher! Und wer hätte je gedacht, dass der
Froschsprung nach den Gesetzen der Schwerkraft gar nicht möglich ist? Aber
dennoch geschieht er hundertfach! Nur der Frosch weiß, wie es geht! Das Wunder
des Froschs: er steht für Heilung und Heiligung, es steht für Ruhe und Energie
genauso wie er Symbol der Wiederauferstehung ist. Schließlich kann er, einmal
tiefgefroren wie tot, wieder zum Leben zurückkehren. Abstrahiert, reduziert auf
eine Kugel, stellt er kulturhistorisch die vollkommene Form dar.

Der Frosch kommt
in vielen archaischen Religionen vor. Aber wer hätte je gedacht, dass er auch
im Christentum eine Rolle spielt? Mit dem Kreuz Christi auf dem Rücken?

Was Du in
Deiner Kunst zusammenbringst, ist für gewöhnlich getrennt, abgespalten,
diffamiert, bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Du bist im besten Sinne
Aufklärerin, die sich dem Leben verpflichtet fühlt, aber die Darstellung der
Gewalt nicht fürchtet. Die Madonnen, die Huren, die Steinzeugen, die gequälte
Kreatur scheinen auf den ersten Blick so gar nichts mit den Fröschen zu tun zu
haben. Aber der zweite Blick verrät dann doch, dass Du die Gefahr kennst, ihr
aber trotzt, weil Du in den unendlichen Stunden des Literaturstudiums, der
körperlich anstrengenden Arbeit mit Ton und der Auseinandersetzung mit Deinen
eigenen kreativen Fähigkeiten Deine Artefakte zum Sprechen bringst. Der Frosch
zum Beispiel, eine Amphibie, lange Zeit verachtet, gewinnt seine geheiligte Seele
zurück, der Hure verleihst Du Würde, die Madonna befreist von ihrer
unkörperlichen Mutterschaft und mit der stolzen Steinzeugin zeigst Du auf eine
Geschichte, die so nicht mehr stattfinden darf. Und den Hitler würdest Du am liebsten
auf den Mond schießen. Vielleicht kann es der Papst ja richten, wenn er
mitfliegt.

Und nun bin ich
zum Schluss bei einem Thema angelangt, das Dich schon lange bewegt. Eigentlich
schon seit Anbeginn Deines künstlerischen Schaffens. Niemals aber so ausgeprägt
wie heute, wo Du selbstbewusst Dein großes Gemälde „Frieden“ an die
straßenseitige Hauswand hängst. Darauf ein Gedicht der jüdischen Lyrikerin Rose
Ausländer: „Wiederkäuer“

Im übersättigten

Hungerjahrhundert

kaue ich die
Legende 

Frieden 

und werde nicht satt

kann nicht verdauen

die Kriege sie liegen

mir wie Steine im
Magen 

Grabsteine

Der Frieden

liegt mir am
Herzen 

ich kaue

das wiederholte
Wort 

und werde nicht

satt

Du verbindest
das Grauen mit der Hoffnung, mit dem Bunten, dem Blumigen, malst und drückst
hier, wie auch in vielen Deiner anderen Kunstwerken die Utopie eines besseren
Lebens aus. Kein Ort, nirgends, aber immerhin in Deiner Kunst schon
gegenwärtig.

In diesem Sinne
wünsche ich uns allen einen inspirierenden Rundgang, lustvolles Hinschauen und
Hinhören und anregende Gespräche.