Ralf Michael Fischer (Hg.), “Im Dialog mit Hans Purrmann Kunst der Moderne und Gegenwart in Langenargen”, Museum Langenargen, ISBN 978-3-00-068412-8

Annette Weber (geb. 1957) ist in verschiedenen Medien wie Malerei, Zeichnung, Plastik und auch Videokunst zuhause. Im Vorfeld dieser Ausstellung hat sie sich in einen indirekten kritischen Dialog mit Hans Purrmann begeben, indem sie in einer ganzen Bilderserie nach den Lebensbedingungen von Mathilde Vollmoeller-Purr­mann als Künstlerin und Künstlergattin fragt. Ohne die Unterstützung seiner Frau und die Beendigung ihrer Karriere hätte sich Purrmann nämlich schwerlich so intensiv auf seine Kunst konzentrieren können. Weber fertigte Portrait Vollmoeller 2019 (Abb. 38) nach einem markanten Ölporträt an, das deren erste Lehrerin Sabine Lepsius (1864-1942) um 1900 von der Mittzwanzigerin anfertigte.83 Der skizzenhafte Stil der Zeichnung thematisiert Mat­hilde Vollmoeller-Purrmanns Gesicht vor dem „Fast­Verschwinden“84 und reflektiert dergestalt ihre durch gesellschaftliche Konventionen bedingte Verdrängung aus der Kunstgeschichte im Schatten ihres Ehemanns. Innerhalb der Ausstellung ist auch eine umgekehrte Wahrnehmung möglich, denn inmitten ihrer Aquarelle scheint ihr Gesicht wieder Gestalt anzuneh­men. Auf jeden Fall würdigt Annette Weber das Talent, aber auch das große Opfer von Purrmanns Ehefrau und sie verleiht ihr mitsamt ihrem Schicksal verstärkte Sichtbarkeit. Der gezeichnete Rahmen um Vollmoeller-Purrmanns Kopf ist nicht nur als Anpassung des Bildformats gedacht, sondern er soll ihre ‚Gefangenschaft‘ in gesellschaftlichen Bedingtheiten visualisieren, die sie an einer freien Entfaltung ihrer künstlerischen Begabung gehindert hat.85

Die Praxis einer interpretierenden Aneignung des Bildmaterials an­derer prägt auch weitere Bilder aus Webers Serie. Sehnsucht nach dem Anderen, ebenfalls von 2019 (Abb. 39), formu­liert das Detail einer Fotografie um, die als Umschlagmotiv der gleichnamigen Publikation der frühen Korrespon­denz mit Hans Purrmann fungiert und Vollmoeller-Purrmann während der Hochzeitsreise 1912 in Ajaccio zeigt.86 Indem Weber ein schmales Hochformat der stehen­den Mathilde Vollmoeller-Purrmann herauslöst und nach oben wenig Luft lässt, betont sie auch hier ein Gefühl der Beengung. Wie Stengelin arbeitet Weber mit Schichtungen, die sie in einem skiz­zenartigen Stil verdichtet. Dabei reichert sie das Motiv subversiv an, indem sie in bzw. hinter dem Rock Vollmoeller-Purrmanns eine Landschaft mit Schloss Montfort platziert, die man aber nur erkennt, wenn man den Kopf um 90° nach links neigt. Im Entstehungskontext von Webers Serie erfährt der Titel in der Tat eine Umdeutung: Im Gegensatz zur Briefedition scheint nicht die Sehnsucht der Liebenden nach ihrem Geliebten auf, sondern die Sehnsucht der Künstlerin nach dem, worauf sie als Ehefrau verzichten muss.

Auch Algenschloss entstand 2019 (Abb. 41). Das Gemälde präsen­tiert zwar einen Blick auf Schloss Montfort, wie wir ihn speziell von Hans Purrmann kennen, doch der dominante giftgrüne Farbton sticht zu intensiv ins Auge, um eine ähnlich idyllische Wirkung zu entfalten. In diesem Bild greift Annette Weber hintersin­nig ein aktuelles Problem auf, das nicht zuletzt auf die Klimaerwärmung zu­rückzuführen ist: die Ge­fahr eines enthemmten Algenwuchses am Boden­see, wie er in Langenargen tatsächlich bereits aufge­treten ist – es handelt sich um ein Freilichtbild, das die Künstlerin bei ihrer Woh­nung „am stinkend in der Sommersonne brodeln­de[n] grünen Algen-Strand“ schuf.87 Mit diesem Thema führt Weber mit Nachdruck vor Augen, dass die Um­welt aus dem Gleichge­wicht geraten ist. Die grüne Farbe wirkt wie ein Schleier, der zwischen uns und der eigentlich schönen Szenerie aufsteigt und evo­ziert mit visuellen Mitteln den Gestank, der solche ‚Algeninvasionen‘ zu begleiten pflegt. Es herrscht buchstäblich ‚dicke Luft‘, zugleich aber auch eine farbliche Stimmigkeit, die nicht zu aggressiv, sondern eher ausdrucksstark-zwiespältig daherkommt. Eine solche Ambivalenz ist dem Thema angemessen, denn Annette Weber verbindet Ästhetik und kritisches inhaltliches Anliegen, um einer bitteren Ironie Ausdruck zu verleihen: Die mediterrane Bodenseeatmosphäre, die Purrmann zum Ausgangspunkt seiner idyllischen Bildschöpfungen machte, gründet in den gleichen Bedingungen wie die optisch-olfaktorische (Zer-) Störung der Szenerie, nämlich in Hitze und viel Licht! Die Doppeldeutigkeit von Algenschloss setzt sich im Wortspiel des Titels fort, der unzweideutig auf die Bezeichnung

Prof. Dr. Eva Borst „walking ideas“, 1. Juni 2019

Liebe Annette,

es ist nicht ganz einfach, diese Einführung in Dein 40jähriges Wirken zu bewerkstelligen, nicht nur, weil Du in diesen 40 Jahren eine Fülle an Kunstwerken geschaffen hast. Sondern auch, weil Du Dich immer wieder denkend, fühlend, nach Ausdruck suchend auf sehr unterschiedliche Wege begeben hast: Walking Ideas – 40 Years
Gewissermaßen obsessiv suchtest Du nach neuen Formen, die, bei näherer Betrachtung durch ein unsichtbares Band irgendwie zusammengehalten werden. Nun, wenn ich das in aller Kürze aufzählen darf: Du hast Brunnen gebaut, überlebensgroße Skulpturen geschaffen, hast Dich auf das Abenteuer der Videokunst eingelassen, Malerei sowieso und, unter anderem, um Dir das unabhängige Leben einer freischaffenden Künstlerin zu finanzieren, kleine feine Statuetten aus Ton geformt. Nebenbei, das darf nicht fehlen, hast Du Dich an der vergänglichen Kunst der Performance beteiligt. Die Genres, in denen Du tätig bist, sind hiermit erst einmal abgehandelt. Aber was wäre die Form ohne Inhalt?

Es war mir bei der Vorbereitung zu diesem Vortrag ein außerordentliches Vergnügen festzustelle, dass, bei allem Humor, der vielen Deiner Kunstwerken zu eigen ist, sozusagen hintergründig – also hintendran – unausgesprochen etwas mitläuft, das man als Alterität bezeichnen kann. Das Andere! Das Andere als Möglichkeit! Oder genauer noch: das Andere als eine Kritik an der kulturellen Tradition, die auch hätte anders verlaufen können, hätten die Menschen es nur zugelassen. Du bist also im wahrsten Sinne des Wortes Perspektivwechslerin und Grenzgängerin in einem: non-konformistisch – immer, herausfordernd – dauerhaft, anarchisch – manchmal, dabei aber stets risikobereit, weil Du zwar mit Deiner Kunst Freude bereiten willst, andererseits aber höchst provokativ die Ordnung, das Selbstverständliche in Frage stellst.

Und damit sind wir beim Inhalt. Der kommt zunächst einmal ziemlich unaufgeregt daher. Aber: er sprengt Fesseln, kraftvoll, energiegeladen, verschafft sich Raum, stellt sich anders dar als erwartet und bleibt doch immer auch poetisch, berührend.

Ich möchte das an einem Beispiel demonstrieren, das Deine inhaltliche Arbeitsweise, wie ich meine, wunderbar zu illustrieren vermag. Und das sehr anschaulich zeigt, dass Deine Kunst durchaus keine Spielerei ist. Mit großer Ernsthaftigkeit und Entschiedenheit nämlich prüfst Du beispielhaft die religiösen Symbole der christlichen Kirche bis zur letzten Konsequenz auf ihre Legitimität, ohne freilich das sakrale Versprechen – die Spiritualität – zu denunzieren. Du wendest Dich nicht ab, sondern du bringst verborgene Dimensionen zum Vorschein. So etwa, wenn Du Dich auf die steinzeitlichen, weiblichen Figurinen beziehst, die für den Anfang des Lebens stehen, heutigen tags aber – wenn überhaupt – nur noch seelenlos in den Vitrinen der Museen ein trauriges Dasein fristen. Und wenn Du die Linie unmittelbar fortsetzt zu Eva und weiter zu Maria und Maria Magdalena, in der Überlieferung zur Sünderin stigmatisiert.
Du hast Dich in die Räumlichkeiten der Heiligkeit begeben und hast, wie es so Deine humorvolle Art ist, erst einmal eine rote Funzel über dem Eingang der Kirche aufgehängt und damit den Gläubigen schon mal klar gemacht, dass es hier zwei Seiten gibt, wenn sie den Ort betreten: Madonna oder Hure? In den sakralen Gebäuden des Patriarchats, als Peep-Show inszeniert, die große Heuchelei, heute aktuell im geradezu monströsen Ausmaß des sexuellen Missbrauchs. Das ist schon lange her, 1995, aber Deine Figur „Not for Sale“ knüpft an diese Serie an und thematisiert die Flucht der Kinder vor Krieg direkt in die Arme ihrer Vergewaltiger.

Nun, Du hast Dich dem Lebendigen verschrieben und stellst ganz ungeniert die Frage nach seinem Wert in dieser Kultur. Indem Du den Zeitstrahl bis weit nach hinten und weit nach vorne ausdehnst, Geschichte und Geschichten, alte Mythologien und Alltagsmythen ausgräbst und ihnen Gestalt verleihst, machst Du auf einen Verlust aufmerksam, der uns alle betrifft. Deine Kunst der zerbrechenden Tradierungen – so möchte ich sie mal nennen – ist in ihrer ganzen Doppeldeutigkeit ausgesprochen klar. Zum Beispiel Deine Madonnen Figuren.

Sie symbolisieren nicht die Unbeflecktheit einer Heiligen, sondern ganz im Gegenteil den Ursprung eines lustvollen Lebens. Luce Irigaray, die Philosophin aus Frankreich, hat mit ihrem sprachlichen Speculum die Einkerkerung der Weiblichkeit ausgeleuchtet: Weibliche Sexualität und Mutterschaft sind demnach unvereinbar in dieser Welt des väterlichen Logos, der die Erinnerung an das, was mal war, ausgelöscht hat. Verstörend deshalb der Blick in das Innere der „Video ma Donna“. Es sind die Hände einer Hure, die sich da bewegen: Galanterie und Verachtung, ausgedrückt in einer einzigen Figur.

Deine Plastiken indes deuten zurück auf die steinzeitlichen Mutteridole und auf die kleinen Figurinen aus den Jahren Deines Studiums. Zugleich aber weisen sie voraus, etwa auf „Paula“. Paula Modersohn-Becker, die es als erste Künstlerin 1907 gewagt hat, sich nackt und schwanger darzustellen, selbstbewusst und voller Schöpferkraft. Sie
störte mit ihrem expressionistischen Tafelbild, wie auch Du heute mit Deinen Tonskulpturen, das Einverständnis in die kulturelle Hegemonie. Die „Steinzeugin Nr. 3“ (es gibt insgesamt vier davon): überlebensgroß steht sie stumm und blind im Garten, bewegungslos bezeugt sie die uralte Unterdrückung und ist doch ausgestattet mit einer Kraft, die Befreiung verheißt. Den väterlichen Logos, das körperlose Wort der Bibel, bringst du so zum Verblassen.
Dass Du Dich als Künstlerin nicht dem Diktat der kleinen Form beugst, sondern große, schwere, auf Dauer hin angelegte Kunstwerke schaffst, zeigt sich auch im Brunnenbau. Das Wasser, die Wassertiere, die Wasserfrau, der Wasserelefant, das Wasserschloss, alles Hinweise auf die Herkunft der Tiere und der Menschen aus dem Wasser. Du gehst also noch einen Schritt weiter zurück in die Vergangenheit, an den Ursprung allen Seins und holst diesen Uranfang in das Bewusstsein zurück. Aber Du wärest nicht Du, wenn Du nicht auch hier wieder dem Strom des Wassers über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart hinein folgen würdest. Spurensuche betreibst Du in den Tiefen der Archive, die nicht nur über untergründige Wasseradern Auskunft geben, an denen Du die Brunnen ausrichtest, sondern auch von verborgenen Geschichten erzählen. Eingebrannt in Majolikafliesen sind sie unwiderruflich auf den Plätzen Deiner Brunnen präsent, Orte der Kommunikation und des Austauschs darüber, was einmal war. Budenheim, Essenheim, Kressbronn….

Alle diese Brunnen entstanden im Kollektiv. Albrecht hat die beschwerliche Arbeit der Bauplanung auf sich genommen, Schulkinder und auch Deine eigenen Kinder haben sich an der Gestaltung der Fliesen beteiligt und Du hast allem den künstlerischen Rahmen verliehen. Kinder haben Dich immer wieder beim Schaffen Deiner Kunstwerke begleitet, haben von Dir gelernt, um ihren eigenen Ausdruck zu finden.

Der Frosch, das Wassertier. In Deinem Garten in Langenargen am Bodensee lebt eine Vielzahl dieser Spezies, liebevoll gepflegt und aufmerksam beobachtet. Aber wer hätte je gedacht, dass den alten Ägyptern die Frösche heilig waren, wie überhaupt verschiedenen anderen Kulturen auch? Wer hätte je gedacht, dass Deine kugelrunden Froschskulpturen kurz vor dem Sprung stehen? Energiespeicher! Und wer hätte je gedacht, dass der Froschsprung nach den Gesetzen der Schwerkraft gar nicht möglich ist? Aber dennoch geschieht er hundertfach! Nur der Frosch weiß, wie es geht! Das Wunder des Froschs: er steht für Heilung und Heiligung, es steht für Ruhe und Energie genauso wie er Symbol der Wiederauferstehung ist. Schließlich kann er, einmal tiefgefroren wie tot, wieder zum Leben zurückkehren. Abstrahiert, reduziert auf eine Kugel, stellt er kulturhistorisch die vollkommene Form dar.

Der Frosch kommt in vielen archaischen Religionen vor. Aber wer hätte je gedacht, dass er auch im Christentum eine Rolle spielt? Mit dem Kreuz Christi auf dem Rücken?

Was Du in Deiner Kunst zusammenbringst, ist für gewöhnlich getrennt, abgespalten, diffamiert, bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Du bist im besten Sinne Aufklärerin, die sich dem Leben verpflichtet fühlt, aber die Darstellung der Gewalt nicht fürchtet. Die Madonnen, die Huren, die Steinzeugen, die gequälte Kreatur scheinen auf den ersten Blick so gar nichts mit den Fröschen zu tun zu haben. Aber der zweite Blick verrät dann doch, dass Du die Gefahr kennst, ihr
aber trotzt, weil Du in den unendlichen Stunden des Literaturstudiums, der körperlich anstrengenden Arbeit mit Ton und der Auseinandersetzung mit Deinen eigenen kreativen Fähigkeiten Deine Artefakte zum Sprechen bringst. Der Frosch zum Beispiel, eine Amphibie, lange Zeit verachtet, gewinnt seine geheiligte Seele zurück, der Hure verleihst Du Würde, die Madonna befreist von ihrer unkörperlichen Mutterschaft und mit der stolzen Steinzeugin zeigst Du auf eine Geschichte, die so nicht mehr stattfinden darf. Und den Hitler würdest Du am liebsten auf den Mond schießen. Vielleicht kann es der Papst ja richten, wenn er mitfliegt.

Und nun bin ich zum Schluss bei einem Thema angelangt, das Dich schon lange bewegt. Eigentlich schon seit Anbeginn Deines künstlerischen Schaffens. Niemals aber so ausgeprägt wie heute, wo Du selbstbewusst Dein großes Gemälde „Frieden“ an die straßenseitige Hauswand hängst. Darauf ein Gedicht der jüdischen Lyrikerin Rose Ausländer: „Wiederkäuer“

Im übersättigten
Hungerjahrhundert
kaue ich die Legende 
Frieden 
und werde nicht satt

Kann nicht verdauen
die Kriege sie liegen
mir wie Steine im Magen 
Grabsteine

Der Frieden
liegt mir am Herzen 
ich kaue

das wiederholte Wort 
und werde nicht
satt

Du verbindest das Grauen mit der Hoffnung, mit dem Bunten, dem Blumigen, malst und drückst hier, wie auch in vielen Deiner anderen Kunstwerken die Utopie eines besseren Lebens aus. Kein Ort, nirgends, aber immerhin in Deiner Kunst schon gegenwärtig.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen inspirierenden Rundgang, lustvolles Hinschauen und
Hinhören und anregende Gespräche.
 

Priv.-Doz. Dr. Ralf Michael Fischer

Das Oeuvre von Annette Weber zeichnet sich durch eine ungewöhnliche kreative Vielseitigkeit und Vielfalt aus. 
Sie setzt ihre Materialien aber dennoch sehr bewusst ein. 
Mit assoziativ-vielschichtigem Anspielungsreichtum verdichtet Annette Weber in ihrer Kunst Bezüge zu ihrer Biografie, zu aktuellen gesellschaftlichen Themen, zur Kunstgeschichte sowie zu den jeweiligen Präsentationsorten – letzteres insbesondere in den Arbeiten für den öffentlichen Raum. 
Von der bisweilen spielerischen Wirkung ihrer Werke darf man sich nicht ablenken lassen, da diese ihre Hintergründigkeit und ihre subversiven Potenziale oft erst auf den zweiten oder dritten Blick offenbaren. Sie sind im besten Sinne eine Herausforderung zum genauen, zum kritischen und vor allem zum kreativen Sehen. Als Künstlerin ist sie gleichzeitig in verschiedenen Medien wie Bildhauerei, Malerei, Video und Performance zuhause.